Von 31. Mai 2012 0 Kommentare

I Miss You – Außergewöhnliche Erinnerungsstücke

Es gibt ja in Berlin schon so unglaublich viele Galerien und Vernissages, dass man manchmal gar nicht mehr weiß, zu welcher man gehen soll, um kulturell auf dem neuesten Stand zu sein. Oftmals ähneln sich die Themen der Ausstellungen sehr, was die Entscheidung nicht unbedingt leichter macht. Im Raum für Drastische Maßnahmen in Friedrichshain wird sehr viel Wert auf unkomplizierte Inhalte, die jedoch stets zum Nachdenken anregen, gelegt. Kunst ist ein Gegenstand, der zum täglichen Leben gehört, den man aber nicht überbewerten sollte. Diese lässige Ansicht spiegelt sich vor allem in der Atmosphäre der unkonventionellen Galerie sowie in Gesprächen mit den stets anwesenden Gründern des Raumes wider.

Gemütliches Beisammensein vor dem Raum für Drastische Maßnahmen

Das bei einem Kartenspiel entstandene Projekt  hat sich mittlerweile zu einem etablierten Ort der Zusammenkunft für junge Künstler entwickelt, an dem man gediegen auf der Couch sitzt und ein Bier trinkt. Natürlich spricht man auch über Kunst, aber irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass die Künstler sich durch ihre Arbeiten proflieren möchten. Es ist einfach eine Alltagsbeschäftigung.

Arbeitstisch des Raumes

Wobei…das Wort Künstler hört man im Raum nicht allzu gern. Die jungen Leute sehen ihn eher als Fleckchen, auf dem man sich austoben kann, Ideen entwickelt, verwirklicht und eine Welt abseits vom Alltag schafft. Der Raum für Drastische Maßnahmen soll eine Art Gegenstück zu den üblichen Galerien darstellen, in dem Kreativschaffenden ein Platz für ihre Arbeiten geboten wird.

Sammlung an ausgestellten Errinnerungen

Wir besuchten letzten Freitag, den 25. Mai, die Vernissage der Ausstellung „I Miss You„, bei der die Frage nach dem Umgang mit Sehnsucht gestellt wurde. Wer vermisst wen? Und wie kommt man mit diesem Gefühl zurecht? Welche Versuche gibt es, Sehnsucht zu kompensieren? Welche Gegenstände bewahrt man als Erinnerung auf?

Vermisstenanzeigen

Dabei wird der Bedeutung von Verlust nachgegangen, die jeder anders verarbeitet. Die unterschiedlichen Formen der Kompensation werden im Raum für Drastische Maßnahmen dargestellt. Die Leute sind eingeladen, selbst ihre Erinnerungsstücke mitzubringen, mit denen sie das Gefühl von Sehnsucht verbinden. Es soll gemeinsam den Fragen nach der Macht dieses Gefühls, der Verarbeitung und dem Sinn des Trauerns nachgegangen werden. Die Sammlung an unterschiedlichen Erinnerungsstücken ist sehr vielfältig und teilweise auch schockierend. Das Ganze wird begleitet von leicht melancholischer Musik, sodass man schnell ergriffen von der entstanden Stimmung war und in Erinnerungen schwelgte.

Vermisste Katze

Aber kurz zur außergewöhnlichen Entwicklung des Raumes für Drastische Maßnahmen:

Es ist die Geschichte über eine Handvoll junger Friedrichshainer, die sich nach der Arbeit gern im Geronimo in der Sonntagstraße trafen, um Karten zu spielen. Jeder von ihnen ist mehr oder weniger in der Kunstszene tätig oder verbringt seine Freizeit in künstlerisch-kultureller Umgebung. Es wird nicht um Geld gespielt, sondern um Kunst. Der Verlierer musste ein Bild zeichnen oder eine sonstige kreative Arbeit abliefern. Die insgeamt 108 Resultate wurden am Boxhagener Platz an die Bäume geheftet. Darunter waren auf Leinwand gemalte oder gesprayte Motive. Bei einigen wurde sogar einfach eine Pressspanplatte als Untergrund genutzt. Doch innerhalb von 48 Stunden waren diese wieder verschwunden. Es wurde eine riesige Aufmerksamkeit erzeugt. Hatten die Künstler ihre Bilder selbst entwendet? Oder gab es einfach Neider, die sie abgerissen und in ihren eigenen vier Wänden aufgehängt hatten?

Konservierte Einnerungsstücke in Gläsern

Der Raum für Drastische Maßnahmen, dem „zufällig“ einige der Werke in die Hände gespielt wurde, lud kurze Zeit später zu einer Veranstaltung, die die offizielle Eröffnung des Raumes darstellte, und versuchte zusammen mit den Gästen die Geschehnisse vom Boxhagener Platz aufzudecken.

Vogelkäfig als Erinnerung an Hansi

Dies war nur der Beginn einer Reihe von Ausstellungen, die im Raum für Drastische Maßnahmen veranstaltet wurden. Eines der außergewöhnlichsten Projekte ist wohl das Farbmanöver, bei dem Farben als wilde Form der Alltagserholung an eine Leinwand geworfen wurden. Das Farbmassaker im September 2011 sowie das Farbdesaster am 17.06.2012 bilden die Anschlussveranstaltungen dazu. Außerdem wird regelmäßig ein sogenannter „Klamottentauschrausch“ veranstaltet.

Tüte mit abgepackter Muttermilch

Die außergewöhnlichen Aktionen werden teilweise von den 40 Mitgliedern des Raumes für Drastische Maßnahmen, der mittlerweile den Hintergrund eines Vereines aufweist, und anderen Kreativschaffenden veranstaltet.  Wenn jemand also dieses großartige Projekt an andersartiger Kunst unterstützen möchte, kann dies durch eine Mitgliedschaft tun. Bei einem monatlichen Beitrag von 2€ muss man sich finanziell auch nicht verausgaben und wirkt an dem Bestand dieses außergewöhnlichen Projektes mit.

Zerrissene Erinnerungsfotos

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Veröffentlicht in: Kiekste wa!

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