Von 8. Oktober 2013 0 Kommentare

Style-Check Berlin vs. Los Angeles mit Hanna Ender

Hanna Ender kann sich nicht entscheiden zwischen Berlin und Los Angeles – muss sie aber auch nicht. Sie pendelt einfach. Mal lebt sie in Berlin und mal in Kalifornien. Je nachdem wo sie gerade arbeitet. Die Journalistin mit dem blonden Lockenkopf – die für verschiedene deutsche Medien aus Los Angeles berichtet – ist stets auf der Suche nach neuen Trends aus der Glamour-Welt Hollywoods. Sie kennt das sonnige L.A. inzwischen bestens und hat für uns einen modischen Vergleich zwischen Berlin und Los Angeles gezogen.
 Im 14-Dollar-Kleid zu den Oscars - und keiner merkt's...Hanna (links) auf dem roten Teppich im schwarzen Vintage-H&M-Kleid von Crossroads

Im 14-Dollar-Kleid zu den Oscars – und keiner merkt’s…Hanna (links) auf dem roten Teppich im schwarzen Vintage-H&M-Kleid von Crossroads

Was trägst Du heute?
Schlabberhose und Schlabberpulli – mein traditioneller Sonntags-Wohlfühldress, und weil ich jetzt erst dazu gekommen bin, meine vier Koffer auszupacken, die ich aus L.A. mitgebracht habe…
 
Du bist ja Berlinerin – wie hat sich Dein Stil in L.A. verändert? 
Drei Jahre L.A. haben auf jeden Fall meinen Style beeinflusst. Vorher hab ich mir nie viel Gedanken gemacht, was ich anziehe. In Berlin läuft man ja sehr unaufgeregt herum, Haare irgendwie zusammengetüttelt, ´ne Jeans an, irgendein T-Shirt, flache Schuhe, fertig los. In good old Berlin gilt: Möglichst nicht auffallen – und in L.A. ist es genau anders rum: Auffallen ist Alles. L.A. ist eine Stadt der Individualisten. Und jeder will hier seine Persönlichkeit ausdrücken, einzigartig sein. Die Leute sind modisch sehr mutig, alles geht hier, nichts ist tabu, nichts ist zuviel, understatement ist ein Fremdwort. Die kalifornische Sonne, der Strand, die Palmen, das Lebensgefühl an der West Coast und die Stadt selbst mit all ihren schrägen Vögeln inspiriert einen auf jeden Fall, mehr aus sich zu machen. In meinem Stil finden sich mittlerweile beide Städte wieder und ich hab glaub ich für mich so einen Mix aus Glamour und Street-Style entdeckt. Ich lieb immer noch meine Sneakers, aber hab in L.A. auch meine weibliche Seite entdeckt, heißt, ich laufe hier viel öfters in Highheels rum als nur in Turnschuhen, trage enge, weite, lange, kurze Kleider statt nur Jeans, viele bunte Farben, orange, türkis, rosa, violett – wie der Sonneuntergang in Malibu.  Außerdem habe ich hier gelernt, viel Vintage mit ein paar wenigen Designer-Sachen zu kombinieren. Und ich trage viele local brands aus meiner Hood: Venice Originals, Venice Liberty, Incision Apparel von Cassie Salcedo…always support your local fashion dealer!
Besonders beeindruckt und beeinflusst hat mich der Street-Style in South L.A. – die Leute haben hier nicht viel Geld, aber kombinieren so viel bunte Farben und viel Blingbling, jeder sieht hier aus als würde er einem David La Chapelle-Foto entsprungen sein. Aber das zeigt eben auch: Du kannst Style nicht kaufen. Du braucht nicht viel Geld, um cool auszusehen.
Wie unterscheiden sich Berlin und L.A. was Mode, Kultur und Mentalität angeht?
Ich liebe sowohl Mama Berlin als auch Lady L.A. und ich denke, beide Damen könnten voneinander lernen. In L.A. ist es viel leichter Leute kennen zu lernen, weil die Menschen sehr viel offener sind, als die muffligen Berliner, die sich den ganzen Tag anpflaumen. In L.A. kriegt man ständig Komplimente auf der Straße für sein Outfit, oder was auch immer. Du wirst in L.A. mit positiven Vibes überschüttet und das macht das Leben angenehmer, leichter. Das Lebensgefühl hier ist sehr easy, relaxed und smooth…ich hab gelernt, meine German bitterness hier etwas abzulegen und gehe viel offener auf Menschen zu. Andererseits sind die Freundschaften in L.A. auch viel oberflächlicher als in Berlin.
Style-mäßig ist Lady L.A. auf jeden Fall sexier, Mama Berlin etwas cooler. Ich denke, der Mix aus Beidem macht’s. Kulturell haben beide Städte viel zu bieten: Wer allerdings so wie ich, gerne Hip Hop mag, ist sicherlich an der Westküste besser aufgehoben. Die Rap-Szene dort ist sehr lebendig. Und in Venice, wo ich wohne, sprudelt die Kunstszene nur so Kreativität. Ein Pluspunkt für Los Angeles: Es gibt so viel Murals, Street Art, Graffitti – man muss gar nicht in eine Gallerie gehen, um gute Kunst zu sehen. Du findest Sie in L.A. auf der Straße.
Ein Pluspunkt für Berlin ist in jedem Fall das Nachtleben: Denn in L.A. ist um 2 Uhr Schicht im Schacht. Richtig feiern bis 7 Uhr morgens kann man nur in auf einigen illegalen Warehouse-Parties, die versteckt irgendwo in stillgelegten Fabrikgebäuden in Downtown L.A. sind.
Auf dem berühmten Coachella Music & Arts Festival...in aprikot-farbener, durchsichtiger Vintage-Bluse von Crossroads

Auf dem berühmten Coachella Music & Arts Festival…in
aprikot-farbener, durchsichtiger Vintage-Bluse von Crossroads

 
Inwieweit ähneln sich die Städte?
Berlin und L.A. sind zwei Metropolen, die einen Vorteil haben: Die Nähe zur Natur. Berlin hat so viel Grün und wenn Du mal keinen Bock auf Großstadt hast, dann fährst Du raus nach Wannsee oder packst Dich in den Tiergarten. Genauso ist es in L.A.: Eine halbe Stunde Autofahrt, dann bist Du am Strand in Malibu oder in den Bergen der Hollywood Hills und kannst komplett abschalten, weil Du in einer völlig anderen Welt bist. Diese Refugien in der Großstadt sind für mich ein großes Stück Lebensqualität.
Was die beiden Städte sonst noch gemeinsam haben: Die Locals interessieren sich nicht groß für Promis, weil sie denken, sie sind selbst die Stars ihrer Stadt. Madonna ist in der Hauptstadt? Na und?, denkt sich der Berliner. Johnny Depp trinkt am Sunset Boulevard neben Dir seinen Café? So what, sagt der Angelino.
 
Warum bist Du zurück in Berlin?
In erster Linie, weil ich mein Visum verlängern muss 😉 Aber ich mag es auch, hin und wieder zurück nach Berlin zu kommen – ich nenn’ das ‚to get grounded’ – wieder ein bisschen auf den Teppich kommen. L.A. ist sehr extrem in jeder Hinsicht – da ist toll und inspirierend, kann aber auch anstregend sein. Bei meiner letzten Reportage am Venice Beach war ich umgeben von barbusigen Frauen, die auf das Recht für Oben Ohne in der Öffentlichkeit demonstriert haben, gefolgt von erzkonservativen Christen, die durch ein Megaphon gebrüllt haben, dass wir alle in die Hölle kommen, und zwischendrin ein paar Venice Freaks, die sich gegenseitig grölend in einem Einkaufswagen über die Strandpromenade geschoben haben – das war ein Moment, wo ich dachte: It’s just too much – ich möchte mal wieder von normalen Menschen umgeben sein. Außerdem habe ich meine Freunde und meine Familie doch sehr vermisst.
 
Sunset in Venice Beach. Kunterbuntes Hippie-Kleid: H&M

Sunset in Venice Beach. Kunterbuntes Hippie-Kleid: H&M

Welche Shoppingmöglichkeiten vermisst Du in Berlin, die L.A. zu bieten hat? 
Was L.A. Berlin auf jeden Fall voraus hat, sind richtig coole Vintage Läden. Hier in Berlin sind die Second Hand Läden doch alle etwas ranzig und muffelig und man findet größtenteils nur Schrott, der dann auch noch viel zu teuer ist. Gute Vintage-Läden finden sich in L.A. wie Sand am Meer.  Mein Lieblingsladen ist eine Vintage-Kette namens Crossroads. Du bekommst hier Teile ab 3 Dollar, man kann hier für 50 Dollar ein komplettes Outfit kaufen und sich von Kopf bis Fuß einkleiden. Egal, was Du suchst, Du findest es bei denen. Vom 80er Jahre Vintage-Nike-Shirt über ´ne H&M Jeans bis hin zum Chanel Sakko. Der Laden ist deswegen so gut, weil ständig neue Second-Hand-Sachen dazu kommen: Du kannst selber alte Klamotten hinbringen, die sorgfältig ausgewählt und dann wieder verkauft werden. Dann kriegst Du einen Gutschein und kannst selber wieder einkaufen gehen… Fashion-Recycling quasi. Und zwischen den vielen coolen Klamotten findet man dort auch Vintage-Designer-Sachen – für einen Spottpreis. Ich habe dort übrigens auch mein Kleid gekauft, das ich bei den Oscars getragen habe: Für 14 Dollar. Außerdem vermisse ich mein Sneakers-Schlaraffenland Undefeated. Dort bekomme ich meine favorite Nike Air 90ies, wenn ich Glück habe und gerade Sale ist, für 40 Dollar.
 

Dit wär doch och wat für dich:

Veröffentlicht in: Stilkontrolle, Tagesanbeter

Über den Autor:

Sie lebt seit mehr als einer Dekade in Berlin und liebt die Hauptstadt für ihren Facettenreichtum. Die Welt der Mode, Kunst und Musik haben es ihr angetan. Ihr besonderes Interesse gilt spannenden Newcomern und unentdeckten Trends. Sie hat seit 2007 keine Fashion Week in Berlin verpasst und das soll für Dit is Fashion auch so bleiben.

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