Von 24. Mai 2012 2 Kommentare

Kleider als Träger von Geschichten

Im Neuköllner Schiller-Kiez wurde im Herbst 2011 die Eröffnung eines kleinen Vintage-Ladens gefeiert. Sandra und Anna haben sich bereits im August letzten Jahres im Zuge einer Flohmarkt-Veranstaltung des Vintage-Cafes und -Shops Sing Blackbird zusammen geschlossen und die Ansicht entwickelt, dass Kleider die Träger von Geschichten sind. Diese Idee wurde ursprünglich von Sandras Großmutter und Mutter, die bei einer Weltreise viele verschiedene Klamotten aus allen möglichen Ländern mitbrachte, kreiert. Beide Frauen sammelten ihr Leben lang Erinnerungsstücke in Form von Kleidung und konnten zu jedem Teil eine Geschichte erzählen.

Kennen gelernt haben sich die zwei Mädels als Kolleginnen bei dem Green Fashion Label Armed Angels, wo Anna als Designerin und Sandra im Online-Marketing tätig war. Dadurch war bereits erkennbar, auf welchen Gebieten die Stärken der beiden liegen. Anna ist handwerklich sehr begabt und hat sogar die Regale für den Laden selbst gebastelt, Sandra hingegen weiß, wie man auf ein Geschäft aufmerksam macht und einen Shop am besten vermarktet. Perfekte Kombi also für das Erfolgsprojekt Veist Kleidergeschichten.

Sandra von Veist Kleidergeschichten

Wir trafen Sandra in dem beschaulichen Laden in der Selchower Straße und durften ihr einige Fragen zu ihrem Vintage Shop stellen.

Sandra, was hat euch dazu bewegt, einen eigenen Laden zu eröffnen und warum gerade im Neuköllner Schillerkiez?

Anna und ich haben im letzten Sommer die Idee entwickelt, ein eigenes Projekt zu starten. Da wir uns aus der Zeit bei Armed Angels sehr gut kennen und dort ein super Team waren, bestand die Idee einer erneuten Zusammenarbeit schon länger. Ich habe schon vor Veist Kleidergeschichten meine eigenen Klamotten sowie die meiner Mutter und Großmutter auf Flohmärkten verkauft. Und da lag es nahe, ein Geschäft im Stil eines Vintage Shops zu eröffnen. Bevor das eigentliche Konzept stand, sind wir auf ein leeres Ladenlokal in der Selchower Straße aufmerksam geworden. Nach kurzer Recherche ergab sich, dass dieses zu dem benachbarten Café Circus Lemke gehörte. Der Inhaber machte uns spontan ein attraktives Angebot und plötzlich hatten wir schon einen Laden. Da ich selbst hier um die Ecke wohne und mehr Zeit in meinem Kiez verbringen wollte, kam mir der Vorschlag gerade recht. Man könnte auch sagen, dass diese Umstände der Initiator waren, das Projekt dann tatsächlich zeitnah umzusetzen. Die netten Mädels aus dem Sing Blackbird haben uns sehr dabei unterstützt.

Die Blumenhose wurde von einer jungen Frau bei Road-Trips mit ihrem VW-Bus getragen

Wie seid ihr anfangs vorgegangen? Konntet ihr zur Eröffnung schon einen ganzen Laden mit Klamotten füllen?

Zunächst muss man  sagen, dass Anna und ich uns sehr gut ergänzen. Sie versteht viel von Mode und Handwerk, sodass wir in den Laden nicht viel investieren mussten. Die Regale sind selbst gebaut und die Couch stammt sogar noch aus alten WG- Zeiten, in denen wir zusammen gewohnt haben. Ich habe eher Ahnung von der Umsetzung eines Vorhabens und dem Marketing. Anfangs haben wir ganz viele Klamotten gesammelt, die wir auf Kommission von Freunden angenommen hatten und in meinem Wohnzimmer stapelten. Außerdem gab es ja noch den Kleiderfundus meiner Familie 🙂 So hatten wir zur Eröffnung am 12. November 2011 eine große Auswahl an Kleidern, die wir verkaufen konnten.

Selbstgebastelter Schmuck- und Gürtelständer von Anna

Wie sieht das konkrete Konzept aus und wie setzt ihr die Preise fest?

Wir nehmen sowohl Herren- als auch Damenmode auf Kommission an und behalten 50 Prozent des Verkaufspreises. Die andere Hälfte geht an die Person, die uns die Klamotten gegeben hat. Ich orientiere mich in Bezug auf die Preise an dem Wert der Klamotten auf dem allgemeinen Vintage Markt. Beispelswiese legt man für eine Vintage-Levis 30 € hin, das ist immer noch ein sehr guter Preis für eine hochwertieg Jeans. Die Shirts verkaufe ich für 10 €, eine Bluse kostet 16 € und Kleider 8 bis 35 €. Man sagt, dass das Alter des Kleidungsstückes den Preis bestimmt und man pro Jahr 2 € berechnen muss. Bei Veist Kleidergeschichten gibt es aber auch eine Tauschkiste, in die jeder etwas nehmen kann und im Gegenzug ein Kleidungsstück reinlegt. Das ist vor allem für viele Menschen im Kiez eine tolle Sache, die es sich nicht leisten können, Klamotten zu kaufen.

Von Anna kreierter Blusenkragen

Wie sah dein persönlicher Weg bis zur Eröffnung von Veist Kleidergeschichten aus?

Nach meinem BWL-Studium arbeitete ich zunächst als Produkt Manager bei L’Oréal und kam dann später wie gesagt bei dem Öko-Modelabel Armed Angels im Online-Marketing unter. 2009 entschloss ich mich, ein Start-Up für Online-Kampagnen zu unterstützen, welches Non-Profit-Organisationen beratend zur Seite steht. Ich hatte aber wieder Lust mit Produkten statt an Computern zu arbeiten. Da kam mir die Idee, einen Vintage Shop mit Anna aufzubauen, gerade recht.

Blick in den Shop

Hast du noch weitere Jobs? Kann man denn wirklich von einem Vintage-Laden leben?

Ja, seit März diesen Jahres kann ich tatsächlich sagen, dass ich fast ausschließlich von Veist Kleidergeschichten lebe. Kürzlich kam zwar noch etwas Geld rein, da ich bei einer Konferenz meines letzten Arbeitgebers tätig war, aber ansonsten komme ich mit den Einnahmen des Shops gut über die Runden. Da Anna in Stuttgart noch als Stylistin für Filme arbeitet, hat sie noch zusätzliche Einkünfte und von daher passt es.

Sommerliche Schaufenster-Deko mit Sandras Surfbrett

An welchen Projekten arbeitet ihr noch?

Wir unterstützen ein Projekt für Sozialpädagogisches Jugendwohnen, einer Wohngemeinschaft für Mädchen, mit den Erlösen aus der Tauschkiste. Außerdem arbeiten wir eng mit der Schilleria, einem Treffpunkt für junge Frauen und Mädchen, zusammen. Der Schwerpunkt des Mädchencafés liegt vor allem auf der theaterpädagogischen Betreuung. In dieser Initiative werden beispielsweise Buttons oder Muttertagskarten gebastelt, die dann hier im Laden ausliegen.

Flyer der unterstützten Projekte und die Buttons der Schilleria

Habt ihr spezielle Aktionen, Events oder verkauft ihr noch außerhalb des Shops?

Wir veranstalten regelmäßig Klamotten-Tauschpartys. Die dritte Veranstaltung dieser Art findet jetzt am 26. Mai statt. Dabei gibt es insgesamt 20 Plätze zu vergeben. Man kann sich direkt im Laden oder per Mail anmelden. Bei einer Zusage handelt es sich um eine verbindliche Anmeldung, da wir genau planen müssen. Wir räumen dann eine größere Fläche im Laden frei und jeder darf 10 Teile mitbringen und sich mitnehmen, was er möchte. Die Klamotten, die nicht getauscht werden, landen später in unserer Tauschkiste.

Außerdem verkaufen wir auf dem Vintage-Flohmarkt von Sing Blackbird und waren beim ArtConnect Blogger Flohmarkt  sowie der Toast & Jam im Januar dabei. Wir arbeiten auch mit dem Label Comme on veut zusammen und man kann die Kleidung bei uns kaufen.

Klamotten von Comme on veut

Wenn ihr also spontan Lust habt, dieses Wochenende zur Klamotten-Tauschparty zu gehen, schreibt schnell eine Mail an hallo@veistberlin.com oder geht direkt im Laden vorbei. Vielleicht gibt es noch freie Plätze!

Es lohnt sich aber in jedem Fall Sandra und Anna einen Besuch in Veist Kleidergeschichten abzustatten und sich von den wundervollen Geschichten verzaubern zu lassen. Cooles Neuköllner Kiez-Flair inklusive.

Dit wär doch och wat für dich:

Veröffentlicht in: Mode

Über den Autor:

2 Kommentare auf "Kleider als Träger von Geschichten"

Trackback | RSS Feed für Kommentare

  1. Torben sagt:

    Die Idee ist gut. Ich finde es sowieso immer bewundernswert, wenn Leute ihre Ideen in die Tat umsetzen.

Veröffentliche einen Kommentar